Der Entnazifizierungsdiskurs der ehemaligen NationalsozialistInen seit 1945

  • Lichtblau, Albert, (Projektleitung)

Projektdetails

Beschreibung

Tragende Elemente des österreichischen Nachkriegsgedächtnisses waren die Externalisierung des Nationalsozialismus und die Opferthese. Diese hatten zur Folge, dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Involvierung von Österreicherinnen und Österreichern in die Verbrechen des Nationalsozialismus lange Zeit unterblieb. Die zu Beginn der Zweiten Republik durchgeführte Entnazifizierung konnte zu einer solchen Bewusstseinsbildung nichts beitragen, sie führte im Gegenteil auf Grund ihrer politischen Diskreditierung, die mit dem Paradigmenwechsel durch den Kalten Krieg, sowie mit dem Werben der politischen Parteien um die „Ehemaligen“ und ihre Angehörigen verbunden war, zur Rehabilitation der vormaligen NationalsozialistInnen.
Das Forschungsprojekt geht den Verknüpfungspunkten zwischen der Populartradition der „Ehemaligen“ und dem politischen Diskurs nach, die in den bis dato nicht systematisch untersuchten Zuschriften (persönliche Briefe, Gnadengesuche gemäß §27 Verbotsgesetz, Gnadengesuche nach Volksgerichtsurteilen etc.) der von den Entnazifizierungsmaßnahmen betroffenen Personen an Behörden jeder Verwaltungsebene ebenso erhalten sind, wie in Stellungnahmen in Publikationen. Durch eine qualitativ-quantitative diskursanalytische Bearbeitung dieser Schriftstücke können die Rückwirkungen des politischen Diskurses auf die Selbstdarstellung der „Ehemaligen“ – und umgekehrt – offen gelegt werden.



Die Untersuchung der Selbstzeugnisse der ehemaligen NationalsozialistInnen erfolgt mit einer Mischung aus quantifizierenden und qualitativen Verfahren. Für die quantifizierende Erhebung der qualitativen Merkmale der Argumentation der ehemaligen NationalsozialistInnen bietet sich als Untersuchungsmethode die diskurs-historische Methode der kritischen Diskursanalyse an.
Mit einem am Quellenmaterial entwickelten Kategoriensystem wird eine quantifizierende Erhebung der inhaltlichen Argumentation durchgeführt, die eine Periodisierung des Diskurses ermöglicht, aus der die Argumentationsschwerpunkte in unterschiedlichen Phasen des Untersuchungszeitraumes ersichtlich werden. Des Weiteren bietet das statistisch ausgewertete Material die Möglichkeit, Generalisierungen über den Verlauf des Diskurses abzuleiten. Mit einer detaillierten Analyse exemplarischer Fallbeispiele werden die Ergebnisse der quantifizierenden Untersuchung vertiefend dargestellt.



Ziel des zeit- und kulturgeschichtlichen Forschungsprojektes zum Themenkomplex individuelles und kollektives Gedächtnis zur Entnazifizierung in Österreich ist es, bisher nicht systematisierte Quellen, Selbstzeugnisse ehemaliger NationalsozialistInnen, inhaltlich qualitativ und quantitativ zu erfassen. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt erfuhr die staatsrechtliche Opferthese im öffentlichen Diskurs eine Universalisierung, die schließlich auch die „Ehemaligen“ in das österreichische Opferkollektiv integrierte. Die Analyse der Selbstzeugnisse soll anhand der Identifizierung inhaltlicher Argumentationsschwerpunkte in unterschiedlichen Phasen des Untersuchungszeitraumes den Diskursverlauf periodisieren.
Durch die Periodisierung des Diskurses der „Ehemaligen“ werden Vergleiche mit den Ergebnissen vorliegender Analysen zum Verlauf des politischen Diskurses, und damit Rückschlüsse über mögliche Parallelen in der Entwicklung der Argumentationen ermöglicht.
Auf diese Weise kann erstmals präzise nachvollzogen werden, wie sich die Entwicklung des politischen und öffentlichen Diskurses im Diskurs der „Ehemaligen“ spiegelte, wie sich das Angebot von politischer Seite, sich in das Opferkollektiv einzufügen, auf die Selbstdarstellung und die Konstruktion persönlicher Opfernarrative auswirkte und wie umgekehrt Elemente der Populartradition der „Ehemaligen“ in den politischen Diskurs Aufnahme fanden.

KurztitelEntnazifizierungsdiskurs
StatusAbgeschlossen
Tatsächlicher Beginn/ -es Ende1/02/1031/01/12

Systematik der Wissenschaftszweige 2002

  • 65 Historische Wissenschaften
  • 6522 Zeitgeschichte